22/06/12
Die Unfähigkeit zu trauern…
Eine magische Aufführung von Ibsens "Gespenstern" im Akademietheater

Kirsten Dene (Helene Alving), Martin Schwab (Pastor Manders), Foto: Reinhard Werner / Burgtheater
„Die Unfähigkeit zu trauern“ – das 1982 erschienene Buch der soeben verstorbenen deutschen Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich war ein Kultbuch meiner Mutter und hat in Folge auch mich damals beeindruckt.
Deutsche und Österreicher haben nach dem Zusammenbruch des sogenannten „Dritten Reiches“ die narzistische Kränkung (Zerstörung der Allmachtsphantasien) nicht ausgetrauert, sondern abgetrieben – daher Verleugnung der Vergangenheit, Verdrängung, Abwehr…
Und genau das sind auch die Mechanismen, die Henrik Ibsen in seinem 1881 erschienenen Stück „Gespenster“ bearbeitet – allerdings nicht auf der Makro-Ebene (Staat, Politik), sondern anhand der Mikroebene Familie. In David Böschs magischer Inszenierung am Wiener Akademietheater geht es nicht um die Unfähigkeit zu trauern, sondern um die noch davor liegende „Unmöglichkeit zu trauern“. Das alles beherrschende Korsett der Konvention verhindert schmerzliche, aber not-wendende Gefühlsarbeit. Gnaden-und illusionslos wird das Gerüst aus bürgerlicher Familie, Religion, Moral und Political Correctness seziert, das wie ein meisterliches Räderwerk die Menschen unter die Räder kommen läßt. Der bigotte Pastor Manders ist eine Glanzrolle für den zu Hochform auflaufenden Martin Schwab, Liliane Amuat hinreissend präsent und ambivalent zwischen Demütigkeit und Aufsässigkeit – und alles überstrahlend die große Kirsten Dene. Als Frau Alving bricht sie das große Schweigetabu, das die Unfähigkeit zu trauern begründet:
„Das war die Zeit, als ich begann die Nahtstellen Ihrer Lehre zu untersuchen. Ich wollte nur einen einzigen Knoten lösen, aber als ich den aufhatte, war gleich alles aufgetrennt. Und da begriff ich, dass der Saum mit der heißen Nadel genäht war…“
Regisseur David Bösch schält aus diesem Tabubruch weniger den emanzipatorischer Akt, also Befreiung und Aufbruch, sondern vorwiegend Zerstörung und Auflösung der letzten Bindungen einer durch und durch brüchigen Gesellschaft – ein großer, düsterer, verstörender Abend!
„Als ich Regine und Osvald da drinnen hörte, war es mir, als ob ich Gespenster vor mir sah. Aber ich glaube fast, wir sind allesamt Gespenster, Pastor Manders. Es ist ja nicht nur, was wir von Vater und Mutter geerbt haben, das in uns herumgeistert; auch alte, abgestorbene Meinungen aller Art, alte, abgestorbene Überzeugungen und ähnliches. Sie sind nicht lebendig in uns; aber sie sitzen doch in uns fest, und wir können sie nicht loswerden. Wenn ich nur eine Zeitung zur Hand nehme und darin lese, sehe ich solche Gespenster zwischen den Zeilen herumschleichen. Die scheinen im ganzen Land zu leben. Sie scheinen so zahllos zu sein wie Sandkörner. Und darum sind wir auch so gotterbärmlich lichtscheu, wir alle miteinander.”
Henrik Ibsen: Die Gespenster, 2.Akt, Frau Alving



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