03/08/12
“Meine Partitur ist wirklich ein Meisterstück!”
Das vermeldet RICHARD STRAUSS im Juni 1911 seiner Gattin Pauline, aber das Ganze wird ein Fiasko!

Michael Laurenz (Scaramuccio), Gabriel Bermúdez (Harlekin), Elena Moșuc (Zerbinetta), Martin Mitterrutzner (Brighella), Tobias Kehrer (Truffaldino), Foto: Ruth Walz
“Es klingt prachtvoll, schöner als alles, was ich bisher gemacht habe! Ein ganz neuer Stil und ganz neue Klangwelten… Bin selig…”. RICHARD STRAUSS’ Selbstbewusstsein war ja bekanntlich kein geringes. Eine Tatsache, die mehrfach zu schweren Krisen mit seinem hypersensiblen Librettisten HUGO VON HOFMANNSTHAL geführt hat. So auch vor der Uraufführung der “Ariadne auf Naxos” am 25.Oktober 1912. Die Vorgeschichte ist pikant.
MAX REINHARDT war den beiden in den letzten Probenwochen der “Rosenkavalier”-Uraufführung rettend zur Seite gesprungen, HOFMANNSTHAL wollte sich bei ihm bedanken und REINHARDTS Liebe zur Grenzüberschreitung huldigen. Musik, Theater und Tanz sollten eine ganz neue Einheit eingehen, Antike und Commedia dell’Arte, Komödiantik und Tragik, E und U…. Er versucht, Strauss zu einer leichten “Zwischenarbeit” zwischen “Rosenkavalier” und “Frau ohne Schatten”, zu verführen, einem “neuen Genre”, nicht mehr als 30 Minuten Musik sei zu komponieren.
Doch die Arbeit am “Divertissement” gestaltet sich schwierig, Hofmannsthal ist einmal mehr beleidigt, daß Strauss seinen Text nicht genug wertschätzt, giftige und devote, vorwurfsvolle und besänftigende Briefe wechseln hin und her. Schlussendlich kommt folgendes Experiment heraus: Hofmannsthal bearbeitet MOLIÈRE’s “Bürger als Edelmann”, Strauss komponiert dazu eine Bühnenmusik und im Anschluss wird die “ganz kleine Oper” “Ariadne auf Naxos” aufgeführt.

Thomas Frank (Der Komponist), Peter Matić (Der Haushofmeister), Elena Moșuc (Zerbinetta), Foto: Ruth Walz
Die Uraufführung wird ein Fiasko, weil – nach Strauss’ Erinnerungen – “der liebenswürdige König Karl von Stuttgart einen 3/4-stündigen Cercle abhielt, der die 1 1/2.stündige Ariadne etwa 2 1/2 Stunden nach Theateranfang beginnen ließ, vor einem bereits etwas verstimmten und ermüdeten Publikum”.(…) Man hatte für den hübschen ‘Zwitter’ kein Verständnis”. Der erste Misserfolg des erfolgsverwöhnten Künstlerduos Strauss-Hofmannsthal war eingefahren und wurde durch Folgevorstellungen an anderen Theatern nicht aufgehoben.
Aber so leicht konnte man weder dem Librettisten noch dem Komponisten kommen – 1916 entschließen sie sich, das Werk komplett umzubauen. Hofmannsthal opfert das Molière-Stück, Strauss schreibt das wunderbare Vorspiel mit Komponist, Musiklehrer und Haushofmeister – ein kleine Abrechnung mit der Abhängigkeit der Musiker von Auftraggebern aller Art. “Ariadne II” hat am 4.Oktober 1916 in Dresden Premiere und verhilft dem Werk zum dauerhaften Durchbruch.
Bei den Salzburger Festspielen bedient sich Regisseur SVEN ERIC BECHTOLF eines außerordentlich klugen Kniffs um die Stuttgarter Urfassung wiederzubeleben, die für Opernfreunde u.a. interessant ist, weil Zerbinettas Koloraturen noch um einiges länger und schwieriger sind und auch Bacchus ordentlich drankommt. Bechtolf, stets gründlicher Vorbereiter, hat sich nämlich in den Briefewechsel Hofmannsthals mit Gräfin OTTONIE VON DEGENFELD-SCHONBURG versenkt, der offensichtlich das Seelenfutter für die “Ariadne” abgegeben hat. Des Dichters realer Versuch, die junge Witwe zu trösten, sie wieder dem Leben zuzuführen und gar zu platonischer Liebe zu gewinnen – all das ist als Theatertext Klassiker geworden.
Bechtolf und sein Dramaturg RONNY DIETRICH kreieren eine kluge Rahmenhandlung um Hugo und Ottonie, die sich mit Hofmannsthals Texten, mit Strauss’ Schauspielmusik zum “Bourgeois Gentilhomme” und der Urfassung der Oper verschränkt, durchdringt, belebt. Ein gelungenes Experiment – zu sehen am Sonntag, den 5.August ab 20.15h live auf 3sat!





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