18/08/12
Warum ist die Salzburger Zauberflöte eigentlich krumm?
Vielleicht weil sie von Paminas Vater stammt und der blöderweise den siebenstrahligen Sonnenkreis an Sarastro vererbt hat? Vielleicht kommen Sie dem Rätsel auf ORF III auf die Spur...

Bernard Richter (Tamino), Foto: Monika Rittershaus
Gut, Pamina’s Vater hat sie “in einer Zauberstunde aus tiefstem Grunde der 1000jähr’gen Eiche” ausgeschnitten. Noch dazu “bei Blitz und Donner, Sturm und Braus” – aber dass er wirklich so kralawatschert geschnitzt hat? So kann man sich eigentlich nur wenig auf den untadeligen Tamino von BERNARD RICHTER konzentrieren, was schade ist. ORF III wiederholt am Sonntag, 19.8. in “Erlebnis Bühne” die Liveübertragung von ORF 2 vom 6.August – vielleicht kommen Sie ja diesen Rätsel eher auf die Spur als ich…
Es hat auch einige Zeit gedauert, bis ich draufgekommen bin, dass Sarastro GEORG ZEPPENFELD kein Herzfrequenz-Kontrollgerät umgehängt hat, sondern eben diesen Sonnenkreis, den die Königin der Nacht unbedingt zurück haben will. Als verkopfter Labor-Typ kann ZEPPENFELD leider nur wenig ausspielen, aber er zeigt defintiv eine der schönsten Basstimmen unserer Tage! Und ist obendrein ein hochkultivierter Sänger, von dem wir hoffentlich noch viel hören werden – das Salzburger Publikum hat seine Leistung zu Recht mit Applaus nach jeder Arie akklamiert!
JULIA KLEITER ist eine wunderbare, klare Pamina – mädchenhaft, aber entschlossen. Ihre Verzweiflung, dass Tamino sie urplötzlich stehen lässt, ist berührend, ihr Gesang makellos – eine absolut festspielwürdige Besetzung (Mitte August mit SAIMIR PIRGU und den Wiener Philharmonikern auch unter RICCARDO MUTI mit Berlioz’ “Messe Solenelle” im Einsatz). Als Spieltreiber bewährt sich MARKUS WERBA, der als Papageno für den in der Zauberflöte immer nötigen (und dieser Produktion leider ein wenig mangelnden) Humor und Mutterwitz einbringt. Das gemeinsame Duett “Bei Männern, welche Liebe fühlen” ist ein Glücksmoment dieser heurigen Salzburger “Zauberflöte”.
Ein echtes Ärgernis ist die unsensible Rollenführung des Monostatos durch Regisseur JENS DANIEL HERZOG.
Dass der nicht Monostatos, sondern Manostatos heißt – eine sexuelle Anspielung des Librettisten (manos: dünn, spärlich, schlaff + statos: aufgestellt, stehend) – geschenkt! Auch dass RUDOLF SCHASCHING nur flüstern darf, weil in der Partitur “aus weiter Ferne” und “pianissimo” steht. Aber dass man im Jahr 2012 einen Schwarzen als fetten Grapscher in Goldanzug und weißen Lackschuhen darstellt – das geht eindeutig nicht und ich schließe mich ANDREA SCHURIANS TV-Glosse vom 11.August im “Standard” an:
Kulturglosse: Ein schwarzes Weib
Glosse | Andrea Schurian, 10. August 2012Internationales Festspielpublikum und politische Angemessenheit
Internationaler sollen sie werden: die Salzburger Festspiele, die Sponsoren, die Gäste. Sagt Salzburgs Intendant Alexander Pereira. Das ist fein, die bisherigen Provinzheinis auf den Bühnen und im Triangel werden nun durch Weltstars und -bürger ersetzt. Leider klunkert das Programm eher mit schmuckvollen Beweisstücken für galoppierende Zürcherisierung denn für voranschreitende Internationalisierung. Aber komisch ist es, das Programm.
Nehmen wir etwa Das Labyrinth im Residenzhof, das auch den Komödienstadel in Hintertupfing schmücken könnte. Der zweyte Theil der Zauberflöte wurde von Peter von Winter (1754 bis 1825), einem dem Weltmusikpublikum nicht weiter ans Herz gewachsenen Gesangslehrer, eher schlecht als recht zu den schütteren (und erschütternden) Dichtkünsten Emanuel Schikaneders komponiert. Auf “Da schenk ich dir zum Zeitvertreib” reimt sich “ein schwarzes Weib”. Genau: “eine Mohrin”. Worauf Papageno frohgemut singt, “dass sie aus allen Schwarzen die einzige ist, die ich lieben werde.” Gut, damals hatte man’s nicht so mit politischer Angemessenheit.
Vielleicht, wenn man das unnötige Stück schon aus der Versenkung zerrt, hätte man aber dramaturgisch ein bissl nachbessern können? Wegen internationalen Publikums? Die Dame neben mir hätte sich gefreut. Sie ist Afroamerikanerin. (Andrea Schurian, DER STANDARD, 11./12.8.2012)
Dennoch enthält die Inszenierung auch viele schöne Momente, kleine liebevoll und genau studierte Gesten und Reaktionen – etwa die Paminas auf Sarastros “Hallenarie” oder Taminos stummverzweifelte Reaktion auf Paminas “Ach, ich fühls, es ist verschunden”. Oder das Schlussbild mit Kinderwägen – am besten, Sie machen sich selbst ein Bild!
“Die Zauberflöte” von den Salzburger Festspielen:
Sonntag, 19.August, 20.15h, Erlebnis Bühne”, ORF III Kultur und Information

Elisabeth Schwarz (Papagena), Julia Kleiter (Pamina), Bernard Richter (Tamino), Markus Werba (Papageno), Foto: Monika Rittershaus





facebook.com/
mitbestenempfehlungen